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Allgäu GmbH, Susanne Baade

Tradition, neu gedacht. Das Allgäuer Heimatwerk will begeistern für Geschichte und Kultur

Eine Bank mitten in der Innenstadt von Füssen. Darauf sitzt ein Mann mit einer Vision. Richard Hartmann will die Tradition von Kitsch und Tümelei befreien. Und obwohl er den Nachweis erbracht hat, dass eine vermeintlich historische Tracht, gar keine ist, schwärmt er über die Schönheit von Dirndl und Lederhose.

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    Richard Hartmann aus Füssen - Allgäuer Heimatwerk

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    Eine kleine Gasse in Füssen im Allgäu

    „Der liebe Gott – oder wer auch immer – hat mir eine besondere Gabe in die Wiege gelegt“, sagt Richard Hartmann ohne jede Eitelkeit oder gar Überheblichkeit. „Ich kann andere begeistern.“ Er spricht mit sanfter, melodischer Stimme, die ein wenig an Kaa aus dem Film Dschungelbuch erinnert. Wir sitzen auf einer Bank in der Drehergasse in Füssen. Es ist ein magischer Ort. Mitten drin im Zentrum der historischen Altstadt. Und doch ein kleines Stück abseits vom großen Trubel. So lässt sich hier in aller Ruhe die Nachmittagssonne genießen. Wie sie durch die Bäume blinzelt. Die Wände der Häuser reflektieren die Wärme. Dazu gibt es ein Glas kühle Holunderlimo.

    Historische Detektiv-Arbeit

    Hier befindet sich das Hauptquartier des Allgäuer Heimatwerks. Richard Hartmann sagt, es sei nur eines  von mehreren Projekten zum Traditionserhalt in Füssen. Doch schon darin liege eine Besonderheit: Dass sich in dieser kleinen Stadt so viele mit dem kulturellen Erbe befassen würden. Rund 4.000 Menschen seien in Vereinen organisiert. Und das in einer Stadt mit nur 14.000 Einwohnern! Denen hat sein Allgäuer Heimatwerk erst einmal zu denken gegeben. In einer Ausstellung über die Trachten der Region wurde der Nachweis erbracht, dass die so genannte Allgäuer Gebirgstracht gar nicht so traditionsreich ist, wie man gerne annimmt. Sie wurde vor rund 130 Jahren importiert aus dem bayerischen Oberland. „Das sieht man schon am Hosenbein. Die Menschen haben auf Alpen und im Wald gearbeitet. Wenn du da mit nackten Wadeln reingehst, verletzt du dir die Beine oder wirst von Zecken gebissen. Das macht überhaupt keinen Sinn.“ Hartmann und sein Team haben viele Belege und Beispiele gefunden.

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    Das Allgäuer Heimatwerk in Füssen

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    Historisches Bild von Füssen im Allgäu

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    Blick in das Allgäuer Heimatwerk in Füssen

    „Ich bin ein Füssener Ur-Vieh“, sagt Richard Hartmann und lacht über den kraftvollen Vergleich. „Ich bin hier in der Gegend groß geworden.“ Da vorn, er zeigt unbestimmt die Gasse hinab, da war früher ein Wagner. Bei dem hat er als Kind immer Sägespäne geholt, als Einstreu für seine Kaninchen. Dennoch wurde dem jungen Mann, der er einst war, Füssen zu eng. Es zog ihn hinaus. Erst nach München. Wo er eine Ausbildung als Hotelkaufmann machte und als Event-Manager arbeitete. Dann in die Welt. „Ich habe hochkarätig besetzte Veranstaltungen organisiert, für die gräfliche Familie auf Mainau gearbeitet und für die Bayerische Staatsoper.“ Bis es ihn irgendwann wieder zurück zog. Jetzt sitzt er auf einer Bank vor einem Ladenlokal voller Bücher, Schriften, Devotionalien, Nachlässen, Kunstwerken – Allgäuer Alltagskultur.

    Tradition und neue Perspektiven

    „Griaß di“, „Servus“, „Na, mein Guater“ – während wir auf der Bank sitzen und sprechen, kommen ständig Leute vorbei, die den Gründer des Heimatwerks grüßen. Immer wird ein kurzer Plausch gehalten. Und so dehnt sich die Zeit. Dabei erweist sich die Bank als Kommunikationszentrum nicht nur für Belanglosigkeiten. Sondern auch für Projekte und Politik, wenn es um einen Gottesdienst geht oder um einen anstehenden Festakt. Und so erfahren wir auch von den großen Plänen. Das gemeinnützige Allgäuer Heimatwerk entwickelt derzeit ein mögliches Nutzungskonzept für ein Kultur-Café in einem historisch wertvollen Haus in der Füssener Altstadt. Es soll daraus ein neues Zentrum für zeitgenössische Heimatliebe entstehen. Denn das ist Hartmanns Anspruch: Der Tradition den Kitsch auszutreiben und die Tümelei. Hartmann, der sich selbst einen „liberalen Traditionalist“ nennt, will motivieren, sich mit der eigenen Geschichte zu befassen. Und er stellt fest, dass sich viele dafür interessieren. „Es darf nicht passieren, dass der Begriff Heimat von stark konservativen Strömungen missbraucht wird. Auch ich liebe meine Heimat, ohne deswegen gleich als stramm Konservativer gelten zu müssen.“

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    Eine alte Vitrine im Allgäuer Heimatwerk in Füssen

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    Ein antiker Lampenschirm.

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    Eine alte Nähmaschine

    „Von Allgäuern für das Allgäu“ – so lautet das Leitmotiv des Allgäuer Heimatwerks. Hartmann will damit nachhaltig zur Revitalisierung Füssens beitragen. Er spricht über die Schönheit von echten Dirndln und Lederhosen. „Und damit meine ich nicht, asiatische Importware.“ Er spricht über die Liebenswürdigkeit Füssens, die vielen erstaunlicherweise während der Pandemie erst richtig bewusst wurde. Als die Füssener wieder unter sich waren und plötzlich erkannten, wie besonders diese Stadt ist. Und er spricht von den traditionsreichen Veranstaltungen, die man wieder aufleben lassen will, wie das „Fiassar Osterspiel“ oder den Fronleichnam-Umzug mit Blumenschmuck, Gottesdienst und einem zünftigen Fest. „Wir wollen das Wissen um Allgäuer Kultur, Traditionen, Brauchtum und liebenswerte Eigenarten seiner Bevölkerung bewahren, weitergeben und langfristig verankern.“ Was als Projekt auf einer Bank in der Drehergasse begonnen hat, könnte sich zu einem Leuchtturmprojekt für das Allgäu entwickeln.

    Ein antikes Gemälde im Allgäuer Heimawerk.

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    Richard Hartmann auf der Bank vor dem Allgäuer Heimatwerk

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    Richard Hartmann zeigt den Beitrag über das Fiassar Osterspiel, das nach 500 Jahren wieder aufgeführt wurde

    Die Autoren

    Susanne Baade und Dirk Lehmann

    Im Expeditionsschiff in die Antarktis und per Helikopter über Australien, Wanderung zu einem Kloster in Nepal und Besuch im Luxushotels in Paris, Trekkings durch Kanada und Achtsamkeitsübungen im Allgäu – zu reisen, zu fotografieren, die Welt zu erzählen: Das ist unser Beruf, unsere Berufung. Lange haben wir als Redakteure namhafter Magazine im Hamburger Verlag Gruner+Jahr gearbeitet, seit einigen Jahren berichten wir nun für das Allgäu aus dem Allgäu. Hier haben wir besondere Menschen kennen gelernt, faszinierende Momente erlebt und eine Natur, die uns immer wieder begeistert. Wir sind dankbar für jedes dieser Abenteuer. Und dafür, dass Sie uns begleiten! Susanne&Dirk

    Mehr zu Susanne und Dirk auf ihrer Website.